Bibliografisches

KURATORISCHE TEXTE von 1993 bis 2016

MARGRET ROTERS UND IHRE ARBEITEN

1
Dr. Katja Schlenker
„Farblandschaften“
Arbeiten von Margret Roters bis 2016

Margret Roters Bilder wirken überall. Ob es in einer mit schweren dunklen Maschinen gefüllten Motorenhalle wie in der Dortmunder Kokerei Hansa ist oder in einer großen offenen, durch rissigen Beton und Arbeitsspuren geprägten Werfthalle wie in Düsseldorf Reisholz am Rhein oder wie eben heute hier – in den weißen Fluren des Malteser Krankenhauses St. Johannes Stift, in geschützten, geschlossenen Räumen. Margret Roters Bilder wirken immer, weil sie – wie ich finde – selbstbewusst, frei und ohne Pathos sind.

Als ich vor mehreren Jahren das erste Mal das Atelier von Margret Roters betrat, sprengten die großen Formate mit ihrer kräftigen, bewegten Farbigkeit geradezu die begrenzten Räumlichkeiten. Die Leinwände waren zum Bearbeiten nicht nur an die Wände gespannt sondern am Boden ausgebreitet. Ein Zurücktreten oder gar Ausweichen vor der geballten Farbenergie war nicht möglich.
Doch wie auch immer, die Bilder der Künstlerin tun dem umgebenden Raum gut und nehmen jedes Mal – wie eigenständig agierende Wesen – gleichberechtigt den Diskurs auf mit ihrer Umgebung, mit dem Betrachter und auch miteinander, – durch ihre Farbigkeit, Offenheit und Entschiedenheit, Größe und Dynamik. Wir sehen: Arbeiten, die zwischen 2010 und 2015 entstanden sind. FARBE;  JA; Aber um den großen Meisters des Informellen, Emil Schumacher (1912-1999), zu sprechen: „Rot und Blau malen kann jeder, aber was Malerei eigentlich ist, das zeigen die Zwischenbereiche, die nicht mehr als Farbe im üblichen Sinn bezeichnet werden können.“

Betrachten wir die Arbeiten genauer, was sind diese Zwischen-Bereiche in Margret Roters Bildern, in welcher Arbeitsweise entstehen sie? Die erste Schicht auf der Leinwand ist meist mit leichter Dispersionsfarbe – Acryl, Tempera -angelegt, es sind erste Kompositionsentwürfe, dynamisch flächig auf große Leinwände am Boden aufgetragen. Dem freien, zufälligen Lauf der Farbe folgt ein Nachdenken über die Wirkung von Linien, Kompositionen und Farben. Denn Farbe hat viele Eigenschaften, nicht nur physische, chemische, auch energetische, sinnliche und viele mehr. Die darauffolgende Arbeitsweise nennt die Künstlerin selbst „dynamische Verdichtung“, die Malerei wird vielfarbig oder –eher vieltönig, pastos mit Öl fortgesetzt, gespachtelt, die Oberflächen mit schwungvollen Bewegungen in einem Fluss geglättet oder an manchen Partien abgezogen, abgewischt, aufgebrochen, was zu einer haptischen Tiefe des Bildes führt.
Die Bilder entstehen in einem langen Arbeitsprozess mit körperlichen Einsatz, bis sich die gewünschte Farbwirkung tatsächlich einstellt und in einem intensiven Diskurs der Künstlerin über Farbe als Material und das Experimentelle in der Malerei.

Die fertigen Bilder vermitteln diese stetige Auseinandersetzung aber immer noch weiter – In jedem Bild führt sich ein einzigartiges Eigenleben der Farben fort. Keine der Farben steht für sich isoliert, sondern ist eingebunden in ein Farbgewebe, aus dem einzelne Töne mit wechselnder Dominanz hervortreten oder in der Tiefe des offenen Bildraumes versinken. Die Farbigkeit aller Bilder – ihre Buntwerte und Tiefen, variiert je nach Beleuchtung und Lichteinfall. Lässt man die Bilder auf sich wirken – sind sie mal meditativ beruhigend, mal bewegend expressiv oder fließend. Durch energetische Pinselstriche und schwingende Linien entsteht nicht nur ein kraftvoller Ausdruck. Auch Richtung und Tiefe und damit Dreidimensionalität.
Ihre Rahmenlosigkeit erweitert das Bild zusätzlich in den Raum hinein.
Expressiv sind die Bilder von Margret Roters, und abstrakt. Aber was heißt das in diesem Falle – abstrakt. Nimmt man die Definition von abstrakter Malerei wörtlich, versteht sich „Unter dem Begriff die Tendenz, jeden Bezug zur Gegenständlichkeit zu vermeiden und das Gemalte auf Form- und Farbklänge und ihre innerbildlichen Bezüge und Gegensätze zu beschränken.“.
Ob wir im Fall der Arbeit „Seerosen“ eine abstrakte Malerei sehen wollen oder uns an einen Teich mit Seerosen erinnern, bleibt dem Betrachter überlassen. Vom Standpunkt des Betrachters im Raum hängt es ab, was einen assoziativen Wert hat und zwischen Abstraktion und Landschaft liegt. In der Nahbetrachtung ist die Farbe in ihrer Materialität erfassbar, sobald wir die Bilder aus der Ferne als Ganzes überblicken, setzen die Farben und Strukturen nicht auf haptische sondern auf räumliche Wirkung.
So könnte das Bild mit den eingebildeten Seerosen aus der Entfernung ein kostbarer abgetretener Teppich, ein Flickenteppich sein.
So ist Abstraktion in Margret Roters Bild auch manchmal der umgekehrte Weg, z.B. wenn sich Arbeiten auf Erlebtes und Erinnertes in reduzierter Form beziehen. Nehmen wir z.B. die drei großen 2×2 m Bilder, die im Vgl. leicht, schwungvoll wie schwebende Seidentücher oder sich überlagernde sanfte Wellen eines Gewässers wirken. Sie sind im vergangenen Jahr entstanden bei Margret Roters Vorbereitung für eine Ausstellung, die in unmittelbarer Flussnähe stattfand.
Aber auch sie wirken nicht flüchtig, leicht, auch nicht heiter beschwingt, der Malprozess des Übereinanderschichtens erzeugt dichtere eindeutige, geschlossene und kompakte Formen.
In den pastosen Bildern scheinen sich diese durch das Eigenleben der Farbe vor den Augen des Betrachters in Landschaftsmotive umzumodellieren. (Es sind dann im wahrhaftesten Sinne „Farblandschaften“, wie der Titel der Ausstellung andeutet). Untere Schichten, früher Gemaltes scheint bis an die Oberfläche des Bildes hindurch. An einigen Stellen ist beim nahen Hinsehen Grund auszumachen, es leuchtet aus dem Rot des größten Formates ein Blau hervor. Für mich ist dieses immer neu – Entdecken in den Bildern von Margret Roters faszinierend. Sie sind lebendig und testen ihr Gegenüber aus, spielen mit der Wirkung unzähliger Farbzusammenspiele, setzen Ruhe gegen Aggressivität, Kraft gegen sich Fallenlassen, fordern ein – sich Einlassen – eine Überprüfung – geradezu heraus.

2
Brigitte Lohkamp
Dynamische Verdichtung
Die Arbeiten von Margret Roters 1989 bis 1998

Selten sind ihre Bilder bunt, aus Farbenklängen komponiert wie bei Jawlensky, Kandinsky oder Klee. Ein intensives Rot, ein leuchtendes Gelb oder ein meditatives Blau bestimmen den Grundklang der einzelnen Leinwände oder Papierarbeiten von Margret Roters. Diese Farbe, in der ein Bild schwingt, setzt den Schlussakkord, ist die letzte, die oberste Ebene, unter der sich andere Farbschichtungen zusammenfügen.
Der Klang und die Wirkung der Farbe sind das Thema in der Malerei von Margret Roters. Will man kunsthistorische Einordnungskategorien bemühen, so handelt es sich bei ihren Arbeiten um Farbfeldmalerei im weitesten Sinn – ein Gestaltungsprinzip, das sich in den 60er Jahren unseres Jahrhunderts entwickelt hat und als deren bedeutendste Repräsentanten Josef Albers, Marc Rothko, Barnett Newman, Ad Reinhard und Yves Klein gelten.

Was hat alle diese Künstler bewogen, Farbe allein zum Thema in der Malerei zu machen? „Farben sind Strahlungskräfte, Energien, die auf uns in positiver oder negativer Weise einwirken, ob wir uns dessen bewusst sind oder nicht“, so schreibt der Maler Johannes Itten in seinem kunstpädagogischen Standardwerk „Kunst der Farbe“. Der Maler Raimer Jochims empfindet Farben als „elementare Kräfte“, und Josef Albers betrachtet Farbe nicht in erster Linie als physikalische Angelegenheit, sondern als ein „psychologisches Phänomen“: „Wir sehen Farben nicht so, wie sie sind“, heißt es in seinem Buch „Interaction of Color“.
Denn Farbe tritt in Bezug zu uns, ihren Betrachtern, und sie agiert in einem räumlichen, kulturhistorischen, entwicklungsgeschichtlichen Kontext. Sie berührt auf der Ebene der Emotionalität unsere gesamte menschliche Existenz. Die Wirkungsweise der Farbe wird identisch mit der Wirkung des Kunstwerks. Botho Strauß hat in seinem Buch „Der junge Mann“ dieses Berührtwerden jenseits der Bewusstheit mit großem Einfühlungsvermögen beschrieben: „… Ich fuhr an einem regnerischen Sommertag, einem Mittwoch, den ich mir freigenommen hatte, zum Einkauf nach Düsseldorf. Schon bei der Einfahrt waren mir die rostroten Plakate aufgefallen, die überall an den Lampenmasten befestigt waren. Sie luden zu einer Ausstellung amerikanischer Malerei …“
Zuerst glaubte ich, es müsse sich um irgendetwas Exotisches, vielleicht gar um Indianerkunst handeln. Ich wurde jetzt sehr neugierig und war schon ganz abgelenkt und beiseite genommen durch das verwirrende, aufsässige Rotbrummen auf dem Plakat … Wenig später beschritt ich die breite Steintreppe, die zum Eingang der Kunsthalle führte … Hier hingen gar nicht die Bilder, die ich erwartet hatte. Es waren eigentlich überhaupt keine Bilder, auf denen man etwas Schönes, etwas Menschenförmiges in seiner besten Gestalt hätte erblicken können. Ich erkannte nur breite, eintönige Farbfelder oder wirres Liniengestrüpp oder strenge bunte Streifen. Dies war nun die abstrakte Malerei, mit der ich bis dahin kaum in Berührung gekommen war …

Ohne es recht zu merken, jedoch nicht ganz zufällig hatte ich gerade vor dem dunkelsten und mächtigsten Werk der Sammlung halt gemacht und mich niedergelassen … Wie erschrak ich nun aber, als ich den Kopf erhob und plötzlich vor mir sein ganzer massiver Farb-Körper sich aufrichtete … Beinahe die ganze Leinwand wurde beherrscht von einer breiten, kelchförmigen Aufwehung, moosgrün, erdbraun und an einer Stelle feuerrot. Ein dunkler Überschwang, eine nach oben geworfene Existenz, die Fontäne einer einzigartigen Energieentladung mit einem Tanz von bunten Flammen auf dem Kamm …“
Diese Energieentladung der Farbe, von der Botho Strauß spricht, bringen die Künstler der Farbfeldmalerei mit höchst unterschiedlichen Methoden zur Entfaltung. Josef Albers etwa setzt Farben von einer Tonalität – z. B. verschiedene Abstufungen des Gelb – in Kontrast zueinander und vermittelt uns damit die Erfahrung der Tiefenräumlichkeit, verursacht durch Relationen der Farbintensitäten zueinander. Die Farbmaterie ist dabei gleichgültig, ganz im Gegensatz zu Yves Klein, der in der Suche nach einer ganz bestimmten Materialität und Substanz gerade diese Eigenschaft aufzuheben bestrebt ist. Allein aus diesem Vergleich wird deutlich, dass Farbe auf verschiedenen Ebenen agiert. Farbe ist Materie, sie hat Eigenschaften, sie zeigt Wirkung und sie folgt einem Bedeutungskanon.

Zunächst einmal ist sie Material, Farbstoff, Pigment, Substanzfarbe. Bei Margret Roters sind diese Materialien (Dispersion, Pigment, Öl) schon mit den Eigenschaften der Farbe verbunden. Eigenschaften lassen sich beschreiben mit stumpf, matt, glänzend, glatt, rauh, dunkel, hell, leuchtend, ausgewogen, kalt oder warm, und diese Begriffe haben Bezug zu der Methode, die Margret Roters praktiziert. Auf glatten Flächen (zumeist Papier) werden zunächst dunkle, stumpfe Farben aufgebracht, die von helleren, leuchtenderen, glänzenderen Flächen überdeckt, aber nicht verdeckt werden. Das Stumpfe, Dunkle, Matte, Graphische, Strukturelle schlägt durch, die Oberfläche aber definiert den ersten Eindruck: die Primärfarben Rot, Blau, Gelb, das von zarten Farben aufgebrochene Weiß, den Glanz, das Leuchten.

Farben sind aber auch Bedeutungen zugeordnet. Deutlich wird dies in der katholischen Liturgie und der Zuordnung von Farben zu kirchlichen Festen. In Asien, in islamischen Ländern oder in Europa kennen wir unterschiedIiche Bedeutungsbelegungen der Farben. Es gibt also keine objektive Bedeutung, sondern kulturgeschichtliche Kontexte, die die Wahrnehmung beeinflussen. Jemand, der in unseren Breitengraden lebt, wird mit der Farbe Gelb eine andere emotionale Verbindung haben als ein Chinese. Denn Farben, die sich mit Bedeutungen verbinden, berühren auch unsere Emotionen. Unser Unbewusstes trägt mit sich den ursprünglichen Kontext, der sich mit Farben verbindet, und unsere Reaktionsweise auf Farben hat auch mit dieser unbewussten Erinnerung zu tun. Deshalb wird keiner der Betrachter auf ein Werk der abstrakten Kunst gleich wie der andere reagieren. Da gibt es keine falsche oder richtige Reaktion, sondern nur die jeweils selbst erlebte.
Farben zeigen Wirkung. „Die Erfahrung lehrt uns“, schreibt Goethe, „dass die einzelnen Farben besondere Gemütsstimmungen geben … Diese einzelnen bedeutenden Wirkungen vollkommen zu empfinden muss man das Auge ganz mit einer Farbe umgeben … Man identifiziert sich alsdann mit der Farbe.“
Das Kunstwerk will uns auffordern zur Auseinandersetzung, zur Beschäftigung mit ihm. Das Werk will uns berühren, und es tut es durch die Energie der Farbe, die, physikalisch gesehen, als Ausdruck des Lichts seine Brechung, Welle und Strahlung zugleich ist. Wie kommt nun diese Strahlung der Farbe zu höchst unterschiedlichen Wirkungen? Mark Rothko zum Beispiel lässt an den Rändern die Farbe unkontouriert auslaufen und verdichtet sie zur Bildmitte hin. Das Ergebnis ist, dass der Betrachter sich in Relation zum Bild nicht mehr orten kann. Er wird gleichsam in die Bildmitte hineingesogen.
Auch für Margret Roters ist der Rand wichtig. Allerdings anders als für Rothko. Sie arbeitet zunächst auf Papier, das auf Holz oder Leinwand aufgebracht wird. Der oftmals nicht ganz glatte Rand wird nun aber nicht geglättet oder beigearbeitet, um die Struktur des „All over“ von Rand zu Rand deutlich zu machen. Vielmehr bleibt häufig der etwas undefinierte Rand stehen, er bietet den Zugang zur gesamten Fläche, über den Rand schleicht sich der Betrachter ein, bis er von der gesamten Fläche absorbiert ist. Diese Fläche ist nun aber nicht homogen, glatt, einfarbig, sondern da schlagen Farben oder Strukturen oder grafische Elemente aus dem Grund durch. Dadurch erhält man eine andere Art von Tiefe als etwa von Barnett Newman, dessen Bildzyklus „Who is afraid of Red, Yellow and Blue“ auf den ersten Blick nichts als Rand füllende Farbstreifen von unterschiedlicher Breite aufzuweisen scheint. Lässt man sich aber auf den Farbkörper ein, der in vielen kleinen Punkten und Modulierungen eines Tones dicht übereinander in vielen Lagen aufgetragen ist, erfährt man die nach vorne drängende Gewalt des Rot, die leichtere Berührung durch das Gelb und die beruhigende Kraft des Blau.

Farbe ist also viel mehr, als sie auf den ersten Blick zu sein scheint, und die Künstler bringen auf höchst unterschiedliche Weisen die ihr innewohnende Energie zum Ausdruck. „Das Bild muss mir“, so Margret Roters, „die Energie wieder zurückgeben, die ich hinein gebe“. Die Farbe, das Werk wandelt also die Energie um. Wenn die Malerin die Hand über die Leinwand führt, bildet sie neue Sinneswahrnehmungen aus, fordert sie neue geistige Fähigkeiten, die geeignet sind, das wahrzunehmen, was sich bis dahin dem Auge entzogen hat. Damit ist, so der Kunsthistoriker Michael Bockemühl, „ein Weg von der Naturbetrachtung zur Betrachtung der Kunst eröffnet, das Wesen der Farbe in seiner Offenbarung durch die Kunst zu gewahren.“

3
Daniela Nardmann
Ausstellung Margret Roters im Theater Oberhausen 1993

Das Ende der Malerei ist mittlerweile häufig beschworen und in pathetischen Abgesängen scheinbar endgültig besiegelt worden. Sie, die Sie heute Abend hierher gekommen sind, um eine Werkauswahl der Düsseldorfer Malerin Margret Roters zu sehen, können von solchen Unkenrufen allerdings durchaus ungerührt bleiben. Denn soviel darf ich gleich zu Beginn vorwegnehmen: Der erste und wohl nachhaltigste Eindruck, den Sie von den Bildern dieser Ausstellung zurückbehalten werden, ist der einer überaus kraftvollen, Funken sprühenden und lebendigen Kunst, die den Betrachter – sofern er sich ernsthaft mit ihr beschäftigt – geradezu obsessiv in den Bann zieht.
Zu ihrem Konzept von einer vitalen, Besitz ergreifenden Malerei fand Margret Roters, die an der Düsseldorfer Kunstakademie bei Prof. Cremer studiert hat, 1991. Damals nahm sie an einem Künstleraustausch teil, der sie nach Kazan in Rußland führte. Es war interessanterweise gerade die Erfahrung von Konkurrenz und enormem Leistungsdruck, die ihr zu einer ungeahnten Konzentration der eigenen künstlerischen Kräfte verhalf.

In der Folge entstanden Arbeiten, die eine radikale Auseinandersetzung mit den Basiswerten der Malerei dokumentieren. Farbe und Form werden hier in den verschiedensten Variationen an die Grenzen ihrer Möglichkeiten getrieben, die Materialität der Farbe und die Spuren des Schaffensprozesses auf dem Maluntergrund unmittelbar sichtbar gemacht.
Einige dieser Bilder entstehen in Stunden, sind Ergebnis eines geradezu automatischen Arbeitens, einer Kombination von Instinkt und Erfahrung, bei der die Künstlerin ohne vorher festgelegtes Programm auf die Impulse des stetig wachsenden Werkes antwortet. Andere Bilder brauchen Monate, manchmal Jahre, in denen sich mit zum Teil erheblichem physischen Kraftaufwand Farbschicht über Farbschicht legt. Was einmal beiseite gestellt, wo der Schaffensprozess unterbrochen wurde, muss die Künstlerin von neuem über die ganze Fläche angehen. Denn Margret Roters hat bei ihrer Arbeit, anders als etwa der Betrachter ihrer Malerei, primär das gesamte Bildfeld im Blick. Die einzelnen, ästhetisch ungemein ansprechenden und wirkungsvollen Farbpartien, die als Anziehungspunkte das Auge des Betrachters gefangen nehmen, sind deshalb stets in ein Gesamtgefüge eingebunden, das als solches wahrgenommen werden will.

Veränderungen in der Malerei von Margret Roters scheinen auf einen klaren Entwicklungsprozess hinzudeuten. Wo zunächst tonige Erdfarben mit eher zaghaftem Charakter überwiegen, schlagen dem Betrachter seit 1991 entschieden kräftigere, klarere Farben entgegen. Auch wählt die Künstlerin bei späteren und langwierigeren Arbeiten als Technik verstärkt Öl auf Leinwand, während sie bei den eruptiven Werken der Anfangszeit zumeist Acrylfarbe auf Papier vorzog. Der Duktus der mit dem Spachtel pastos aufgetragenen Farbe tritt in den verschiedenen Bildern mal weniger, mal mehr in den Vordergrund, ist je nachdem nervöser, wilder, spielerischer, ornamentaler, gedämpfter, zurückhaltender, leiser. Doch diese Veränderungen sind nicht Ausdruck einer sukzessiven Entwicklung, sondern Resultat der prozessualen Arbeitsweise der Künstlerin. Was einmal als Ergebnis erreicht wurde, kann nicht wiederholt werden, es kann nur eine Anknüpfung daran stattfinden, eine Fortführung, ein Weiterspinnen. Eine Vielfalt von Möglichkeiten eröffnet sich so vor dem Betrachter ohne starres Ziel und wertende Richtung.
Es ist nicht unwichtig, dass sich Margret Roters in diesem Prozess den Herausforderungen des Zufalls, seiner Ambiguität stellt und sie für ihre Arbeit fruchtbar macht. Ein Beispiel dafür sind etwa jene Arbeiten, in denen die Künstlerin in der gewählten Farbskala eine Beschränkung auf bestimmte Farbbereiche vornimmt; oder die monochromen Arbeiten, auf die sich Margret Roters in letzter Zeit verstärkt konzentriert. In diesen Bildern verkehrt sich der herkömmliche Schaffensprozess in sein Gegenteil: Über ein buntes Geflecht von Farben legt sich eine monochrome Farbschicht, unter der die Buntheit nur noch als Ahnung hervorscheint. Solche Werke erzählen auf besonders geheimnisvolle und poetische Weise von der Geschichte ihres Entstehens.

Unterschiedlichste Formate werden Ihnen in dieser Ausstellung begegnen, und Sie werden dabei möglicherweise mit Verblüffung feststellen, dass sich jene „Dynamische Verdichtung“, wie Margret Roters das Kraftvolle und Expressive ihrer Malerei einmal bezeichnet hat, auch in kleinere Formate hinein übersetzen lässt. Nur eines bleibt dabei konstant: Keines der Bilder dieser Künstlerin besitzt nämlich einen Rahmen, es sind offene Kunstwerke, in denen formale Gestaltung und prinzipielle Unabgeschlossenheit eine dialektische Beziehung eingehen. Eine solche „all over“-Malerei, die sehr beredten Ausdruck übrigens auch in der Verwendung ausfransender Leinwand findet, kann vom Betrachter nach allen Seiten hin weitergedacht werden, schrankenlos in Höhe und Breite. Die Grenze zwischen Werk und Betrachterraum wird damit unwiderruflich gesprengt.

Die Bilder dieser Ausstellung könnten abstrakt genannt werden. Nur wenige von ihnen – zumeist frühe – tragen einen Titel, in dem Gegenständliches einen Nachhall findet. Wenige auch zeigen Formen, die sich als Dinge deuten lassen, etwa der Papagei in einem jener Bilder aus dem Jahre 1991, die von buntem Leben nur so zu strotzen scheinen. Margret Roters ist jedoch immer mehr dazu übergegangen, ohne Bildtitel auszukommen. Ihre Malerei erschöpft sich nicht darin, abbildlich zu sein, in rationalen Diskurs transskribiert und damit obsolet zu werden. Ihre Bilder verweigern sich als Zeichen, die etwas bedeuten, vom Betrachter verstanden und dann ad acta gelegt werden. Die Malerei von Margret Roters verlangt danach, in ihrer unhintergehbaren Materialität, als Farbe, als energiegeladene Form wahrgenommen und empfunden zu werden, und zwar konkret!

Wie konkret, werden Sie feststellen, wenn Sie die Herausforderung der Bilder annehmen und den Temperamentsunterschieden der einzelnen Arbeiten nachgehen, wenn Sie die formalen und gestalterischen Differenzen mit aufmerksamem Auge für sich selbst erkunden. Sie werden dabei vielleicht in diesem oder jenem Falle an Franz Marc, an Monet, an Gotthard Graubner oder Emil Schumacher denken. Auch andere Vergleiche sind vorstellbar. Sie werden aber zugleich bemerken, dass diese Werke selbstbewusst auf ihren eigenen Wert pochen, auf sich selbst zurückweisen, eigenständig und eigensinnig sind. Ich habe deshalb keine Zweifel daran, dass Ihnen die hier ausgestellten Werke ebenso sehr eine „bunte Lust“ bedeuten wie mir.

4
Dynamische Verdichtung
Heribert Steinbach
Mai 1998

Wird man, wie ich, gebeten, das Vorwort zu einem Katalog für eine „gestandene Künstlerin“ zu schreiben, steht man sehr schnell vor der Frage, inwieweit man schwerpunktmäßig auf die Person der Künstlerin bzw. ihren künstlerischen Werdegang eingehen soll, überhaupt eingehen darf, oder ob man es dabei bewenden läßt, lediglich ihre Arbeiten und ihre Arbeitsweise zu beschreiben.
Was meine Person betrifft, so habe ich mich für den hoffentlich goldenen Mittelweg entschieden und werde mit ein paar Worten auch auf die künstlerische Entwicklung von Margret Roters eingehen, nicht zuletzt, weil dies auch zum Verständnis ihrer Malerei beitragen kann. Kennengelernt habe ich Margret Roters vor ziemlich genau zehn Jahren an der Kunstakademie Düsseldorf. Weil wir im selben Atelierraum arbeiteten, war es mir möglich, ihre künstlerische Entwicklung genau mitzuverfolgen. Offenbar schon von Anbeginn latent vorhanden, der Künstlerin selbst vermutlich aber noch nicht so bewusst, war die Neigung zu reiner Fläche und Farbe im Kontext zum umgebenden Raum.
Margret Roters war damals deutlich beeinflusst vom Werk des Gotthard Graubner, von seinen sogenannten Farbraumkörpern, auf reiner Farbwirkung beruhende, keinerlei formelle Verfestigung zulassende, den Raum öffnende Arbeiten. Obwohl Gotthard Graubner durchaus bereit war, sie als Studentin anzunehmen, hat sich Margret Roters schließlich dann doch dazu entschlossen, sich der künstlerischen Obhut des behutsam agierenden Professors Siegfried Cremer anzuvertrauen.
Dort, im Atelier an der Kunstakademie, wirkte Margret Roters anfangs sehr zurückhaltend, wortkarg. Demonstriertes Selbstbewusstsein gehörte nicht gerade zu ihrem Repertoire. Eine gewisse Zeit lang hatte ich den Eindruck, Margret Roters werde zu einer erfolgreichen Künstlerinnenlaufbahn nicht die erforderliche Kraft und Energie aufbringen.

Wie eklatant ich mich damals in der Person der Künstlerin verschätzt hatte, musste ich im Jahre 1993 anlässlich meiner Einführungsrede zu ihrer Ausstellung im Kunsthaus Mettmann zugeben. Kraft und Dynamik, überhaupt Energie sind inzwischen in der Malerei von Margret Roters die tragenden Elemente. Entscheidend für diese Entwicklung war wohl das Jahr 1991, als Margret Roters die Gelegenheit hatte, an einem Künstleraustausch zwischen Künstlern aus NRW und Kazan in Tatarstan, Rußland, teilzunehmen. Sicher mit gemischten Gefühlen fuhr sie dorthin. Es wurde zu ihrem künstlerischen Durchbruch.

In Kazan war Margret Roters gezwungen, sich durchzukämpfen und vor allem sich gegenüber anderen etablierten Künstlern zu behaupten und durchzusetzen. Aus Rußland zurück kam eine völlig veränderte Frau, mit neuem Selbstbewusstsein ausgestattet, voller Energie und voller Mitteilungsbedürfnis. Was jetzt geschah, war erstaunlich. Es entstanden in einer raschen Zeitfolge kraftvolle, dynamische, farbfrohe Bilder. Die in Rußland gespeicherten Eindrücke mussten „abgearbeitet“ werden.
Konkurrenz belebt bekanntlich das Geschäft. Bei Margret Roters hat konkurrierendes Tätigsein noch mehr bewirkt, nämlich eine gänzliche Änderung ihres Bewusstseins im Hinblick auf ihr künstlerisches Schaffen. Ihr war klargeworden, dass ihre Tätigkeit einen hohen Aufwand geistiger, aber auch physischer Energie erfordert, dass Dynamik und Energie zu ihrer eigentlichen künstlerischen Thematik geworden waren.

Dynamische Verdichtung nennt Margret Roters ihre Malerei.
Künstlerische Ideologie tritt in den Hintergrund, Sinnüberfrachtung findet nicht statt. Im Vordergrund steht stets der Schaffensprozess selbst, die kraftvolle Auseinandersetzung mit dem Material Farbe und der Fläche sowie die Sichtbarmachung dieses Vorgangs, d.h. reine, durch keinen Zwang zur Gegenständlichkeit verwässerte Malerei. Schichtweise wird die Farbe bei dieser “all over”-Malerei mit einer gewissen Gleichmäßigkeit über die gesamte Fläche verteilt. Dabei behält Margret Roters stets das Ganze, die Gesamtheit im Auge und verliert sich nicht in einzelnen Bildpassagen.
Farbe wird prozesshaft eingesetzt als Träger geistiger Inhalte und Auslöser emotionaler Werte. Schwerpunkte werden nicht oder nur andeutungsweise gesetzt. Formelle Verfestigung wird konsequent vermieden. Dies unterscheidet Margret Roters Arbeit deutlich vom Schaffen des von ihr bewunderten einstmaligen Vorbildes Emil Schumacher, eines Hauptvertreters des deutschen Informel.

Trotz ihres oftmals erheblichen Grades an Pastosität bleibt die Malerei von Margret Roters lebendig und „atmungsfähig“. Auch die unteren Farbschichten behalten ihre Wichtigkeit. Der dynamische Schaffensprozess enthält eine ganz klare Zeitkomponente. Es wird auf einen bestimmten Zeitpunkt hingearbeitet, nämlich auf den Moment, zu dem das Gemälde das Optimum an farblicher Energie aufgeladen hat, um ein von der Künstlerin unabhängiges, auch raumbezogenes Eigenleben zu entwickeln, um als Farbkörper die aufgestaute Energie bzw. Dynamik dem Betrachter mitzuteilen und auf ihn einwirken zu lassen. Die randlos gehaltene, offene Malerei strahlt auf Betrachter und Raum ab. Dass Arbeiten dieser Art in der Regel keinerlei Rahmung dulden, versteht sich von selbst.
Mit ihrem konsequenten Schaffen gehört Margret Roters zu den Künstlerpersönlichkeiten, die den Beweis dafür erbringen, daß „in der Zeit stehende“, sich stetig weiterentwickelnde Malerei ihren überragenden Stellenwert im Kunstgeschehen zu behaupten vermag.

5
Katja Schlenker
Zu den Bildern von Margret Roters
Vortrag zur Eröffnung der Ausstellung „Parallaxe“
am 11. Juli 2010
Industriedenkmal Kokerei Hansa, Dortmund

Öl auf Leinwand

Als ich das erste Mal das Düsseldorfer Atelier von Margret Roters betrat, sprengten die großen Formate und ihre eigenwillige Farbigkeit geradezu den räumlich begrenzten Raum. Große Leinwände belagerten den Boden, andere waren für den Malprozess flächendeckend an die Wand gespannt. Nicht nur die materielle Größe, sondern auch die raumgreifenden energetischen Farb-, Flächen- und Strukturfelder boten keine Möglichkeit des Ausweichens und Zurückziehens, sondern forderten geradezu ein, sich in die Materie hineinzustürzen und den Dialog zu beginnen.
Heute, hier in der Maschinenhalle stehend, sehe ich, dass die Bilder nichts von ihrer Kraft und Eigenständigkeit verloren hoben. Die Befürchtung, dass die skulpturale Wucht der Maschinen und die Aura ihrer Vergangenheit durch zweidimensionale, nichtfigurative Malerei unbezwingbar wären, bestätigt sich – wie erwartet – nicht. Die Bilder kommunizieren trotz ihrer Endgültigkeit unbeirrbar weiter, untereinander, mit den Betrachtern und mit dem historischen Bauwerk, mal meditativ beruhigend, mal bewegend, vereinnahmend. Durch die bewusste Inszenierung oder Choreografie der Arbeiten im Raum ergibt sich ein Spiel gleichstarker Partner.

Den Auftakt geben die zwei großen Formate in Rot und in Blau, den Abschluss das hohe Längsformat in Rot. Dazwischen findet eine rege Korrespondenz der Bilder in den begehbaren Gängen statt. Die Bilder werden zur Farbskulptur, die skulpturalen Maschinen zu Bildelementen.

Sehen wir uns um:
Verschiedene Standpunkte in der Maschinenhalle, die Formen von Kranbahnen und Schwungrädern lassen die Motive vergrößert oder verkleinert erscheinen, zerlegen und verwandeln, lassen ihre Strahlungskraft schrumpfen oder wachsen. Manche Maschinenteile wirken bildübergreifend, schaffen Rahmen oder Hohlräume, Durchlässe, Öffnungen, Sperrungen, die sich überlagern und kreuzen, wie unsere Blicke. Proportionen und Relationen werden dekonstruiert. Das ist im wahrsten Sinne „Parallaxe“.
Fassen wir die einzelnen Bilder der Künstlerin näher ins Auge:
Margret Roters Bilder sind nicht-figurativ und von einer eigenwilligen Farbigkeit. Die Farbe als solche in ihrer ganzen Materialität und der Malvorgang an sich sind Gegenstand ihres künstlerischen Schaffens.

Was ist Farbe eigentlich?
Farbe ist mehr als nur materielle Schicht, mehr als grafischer Lack auf glattem Stoff. Farbe mag ein physisches, chemisches Substrat sein oder ein massiver Duft oder ein Hauch der Dinge oder eine atmosphärische Erscheinung. Sie kann Heilmittel sein oder einfach abstraktes Zeichen, ein Destillat oder verflüchtigte elektronisch-digitale Frequenz. Farbe ist Ritual, Markierung für Flächen und Grenzen, Anzeiger energetischer Zustände, astrophysikalischer Hintergrundteppich. Farbe ist ein Medium der Abstraktion, Täuschung, Simulation.

Farbe ist Mittel der puren Malerei.
„Rot und Blau malen kann jeder“, erklärte einst der große Meister des Informellen, Emil Schumacher, „aber was Malerei eigentlich ist, das zeigen die Zwischenbereiche, die nicht mehr als Farbe im üblichen Sinn bezeichnet werden können.“ Diese Zwischenbereiche sind in Margret Roters Arbeiten zu erkunden. Sie entstehen in einem langen Prozess, das Medium Malerei kommt ihr entgegen, denn Farbe trocknet langsam.

Die Künstlerin arbeitet in jedem Bild neu heraus, was denn ein Rot überhaupt ist, oder ein Blau. Die unteren Schichten sind leichte Dispersionsfarben, leichte Acryl-, Temperafarben, meist über die gesamte Fläche, dynamisch mit körperbetonten Gesten aufgetragen. Sie lässt das Pigment in aller Freiheit auf den Träger einwirken, den freien Fluss der Farbe sich niederlassen – wartet. Das Ergebnis zeigt, in welche Richtung sie weiter reagieren muss. Die Malerei verdichtet sich, oft wird sie sehr vielfarbig. Teilweise wird der Malprozess pastos mit Öl fortgesetzt, so lange, bis sich die gewünschte Farbwirkung tatsächlich einstellt. Das Medium Malerei, die Farbe gibt zunächst den Weg vor, die Künstlerin greift ein und verdichtet oder bricht Dichte auf, beginnt dann wieder von vorn, zerstört, stellt die Entwicklung in Frage.
Es ist eine Herausforderung, die großen Formate anzugehen, konsequent zu bearbeiten aus Nähe und Distanz. Das Zulassen und Einfangen von Verflüchtigungen, Eroberung und Verlassen von Flächen und Räumen. Das ständige in Frage Stellen gehört zum Arbeitsprozess der Künstlerin, das Herauskitzeln aller Möglichkeiten der Farbe.

Ihre Bilder sind keine vorgefertigten Kompositionen, man kann sagen, sie passieren einfach, durchlaufen Prozesse zwischen Zögern und Handeln, Unsicherheit und Entschiedenheit. Wo Farbe derart materiell gesehen wird, wird das Arbeiten zum Dialog zwischen dem Künstler und dem Bild. Das Malen ist für Margret Roters eine stetige Auseinandersetzung, ein beständiges Agieren und Reagieren. Das Ende des MaIprozesses liegt im Ermessen der Künstlerin. Sie arbeitet auf einen bestimmten Zeitpunkt hin, sie nennt es „dynamische Verdichtung“. Die Bilder gewinnen an Ruhe und Klarheit, Malschichten können untere Schichten durchscheinen lassen oder verdecken. Der Abschluss des Bildes kann ganz plötzlich da sein. Plötzlich hat es die Spannung, plötzlich ist ein Optimum an farblicher Energie aufgeladen. Die Bilder entwickeln ein von der Künstlerin unabhängiges raumbezogenes Eigenleben und lassen als sogenannter Farbkörper die aufgestaute Energie beziehungsweise Dynamik wirken.

Sehen wir genau hin:
Die randlos gehaltene offene “oll over”-Malerei strahlt auf uns und den Raum ab. Die Farbe Rot als beruhigendes Element dominiert. Auch wenn der Malerei von Margret Roters kein Konzept beziehungsweise keine konkreten Vorlagen zu Grunde liegen, entnimmt sie die Motive – in diesem Fall die Farbe – aus ihrem persönlichen Erinnerungsspeicher und sensiblen Farbempfinden. Die Farbe Rot, die immer wieder kehrt, seit sie bei Arbeitsaufenthalten in Russland die Farben in dortigen Museen und Kirchen erlebte. Hier hat sie vor allem die Farbe Rot tief in ihren Bann gezogen, das Rot auf den Ikonen und russischen Malereien des 19. und 20. Jahrhunderts. Seit einem Künstleraustausch 1991 in Russland wurde die Farbe Rot dann in ihrer Malerei dominierend. Rot strahlt, ist Leben und positiv. Eine Vielzahl von Rottönen harmoniert und ermöglicht so große Variationsmöglichkeiten.

Für jede Farbe sucht Margret Roters die richtige Aussage. Jede Farbe braucht einen anderen Umgang, anderen Farbauftrag, eventuell ein anderes Format. Wenn ich anfangs sagte, Margret Roters Malerei sei nicht-figurativ, so stimmt das nur für das Endergebnis, für das fertige Bild. Der Gegenstand interessiert sie wirklich nicht, sie sucht neue Realitäten, die noch nicht da sind, und einen neuen Raum mit einer klaren neuen Aussage.
Deswegen überlagert sie figurative Elemente, lässt sie verschwinden, wenn sie sich im Malprozess einstellen. Die Materialität, die Strukturbildungen und Farbwirkungen sind so präsent, dominant, intensiv, dicht und eigensinnig, dass jedes Figurative und Gegenständliche stört. Die Bilder haben keinen Titel und sind auch dahingehend völlig unbelastet. Die Aussage ist stark. In jedem Bild liegt vor uns ein offener Raum, der große Freiheit in der Wahrnehmung möglich macht. Es gibt keine vorgefertigten Erzählstränge, nur offenen Farbraum für Konzentration, Sammlung und bewusstes Wahrnehmen.

6
Elvira Meisel-Kemper
Wasser : Farben
VR-Bank Westmünsterland eG in Coesfeld
Ausstellungseröffnung 16. Oktober 2013

Margret Roters begeistert uns mit ihren farbgewaltigen Bildern.
1948 in Coesfeld geboren, studierte sie von 1988 bis 1994 Malerei an der Staatlichen Kunstakademie in Düsseldorf bei Prof. Siegfried Cremer. Der Künstleraustausch des Landes Nordrhein-Westfalen brachte sie 1991 in die Sowjetunion nach Kazan. Es folgten weitere Arbeitsaufenthalte und Stipendien in Horice/Tschechien und in Moskau in den 1990er Jahren. Seit ihrer ersten Ausstellung 1991 im russischen Kazan ist sie auf zahlreichen Ausstellungen vertreten. Sie lebt und arbeitet in Düsseldorf.
Ich arbeite nur groß und farbkräftig“, verriet mir Frau Roters gleich zu Beginn unseres Gesprächs. Auslöser für die großen Formate war eine Ausstellung 2010 in der Kompressorenfabrik Hansa in Dortmund. Formate von 380 mal 460 cm sind damals entstanden, die hier gar keinen Platz gefunden hätten. Wenn man Frau Roters anschaut, traut man ihr diese riesigen Formate allein körperlich gar nicht zu. Doch das täuscht. Wer sich mit ihr unterhält, spürt die Kraft der Persönlichkeit, die sie in eine kraftvolle, gestische Malweise umsetzt. „Ich liebe das Haptische, was sich bei der Malerei ergibt. Ich liebe das Pastose und das Kraftvolle“, diktierte sie mir unfreiwillig in die Feder und in meine Gedanken, die sich bei meiner ersten Begegnung mit den Originalen sofort entzündeten.

Ganz früher habe sie sogar mal gegenständlich gemalt. Doch seit spätestens 1987 malt sie durchgehend abstrakt. Langweilig wird es in ihrem Werk offensichtlich nie. Für diese Ausstellung hat sie neue Gemälde gemalt, die für sie eine neue Herausforderung darstellten, die sich in einer Frage besser formulieren lässt: Wie bringt man die kraftvolle Dynamik ihres Pinselstrichs und ihrer Farbwelten in kleineren bis mittleren Formaten unter?
Es geht und es ist ausgesprochen gelungen. Acryl benutzt sie höchstens als Malgrund. Mit der Ölfarbe als Ausdrucksträger kann sie pastos arbeiten. Mit der reliefhaft aufgetragenen Farbe geht sie nicht nur haptisch in den Raum, sondern auch visuell. Ihr unerfüllter Berufswunsch, Architektin zu werden, kompensiert Frau Roters mit Farbgebirgen, mit kraftvoller Malweise, die ganzen Körpereinsatz erfordert. Das Ergebnis ist in dem großen Format direkt „raumgreifend“, auch wenn die Farbe auf dem Bildträger verbleibt.

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Sabine Tünkers
Einführung in die Ausstellung
„Quadart – Quer gedacht“
Frühjahr/Sommer 2014
In Ratingen

Die „Dynamischen Verdichtungen“ von Margret Roters entwickeln sich … während des Schaffensprozesses aus innerer Intuition und der Phantasie der Künstlerin, bis ein Maximum an Ausdrucksstärke erreicht ist.
Margret Roters geht es immer um Farbe, besser um Farbräume und deren Energie, Vitalität und Wesen an sich aufzudecken und spürbar zu machen. Gerade die großformatigen, fast monumentalen Arbeiten lassen den Betrachter in die Farbe eintauchen. Mit intensivem körperlichen Einsatz entstehen ihre Kompositionen, indem sie in aller Freiheit mit weiten Schwüngen beginnt. Farbschichten werden in freiem weiten Gestus überlagert aufgetragen, bis ein Verdichtungsgrad erreicht ist, der die optimale Wirkung aus Sicht der Künstlerin erzielt. Es ist eine kraftvolle Auseinandersetzung mit der Farbe als Material und dessen Farbwert.

Die Bilder zeigen vielschichtig einander durchdringende Farbspachtelungen und Pinselstriche. Manche Arbeiten werden durch fortlaufenden Farbauftrag immer monochromer, andere behalten das Gestisch-Vielfarbene. Netzartige oder auch lineare Strukturen entwickeln sich besonders bei den monochromen Arbeiten. Ihr Farbspektrum reicht von leuchtend-farbig bis zart-pastell. Unter dem Einfluss eines längeren Studienaufenthaltes im Rahmen eines Künstleraustausches mit Russland dominiert dabei die Farbe ROT.

Margret Roters Malerei ist frei von Gegenständen und deren Assoziationen. Es geht ihr um die reine Malerei. Ihre Arbeiten fertigt sie nach dem Prinzip des allover paintings. Das bedeutet, dass sich ihre Malerei flächendeckend, ohne Hauptmotiv, über die gesamte Leinwand erstreckt, ohne den Rand des Bildträgers zu berücksichtigen. So könnte es sich um einen Ausschnitt eines großen Ganzen handeln, oder, anders betrachtet, ihre Arbeiten sind beliebig erweiterbar. Ihre Anstrengung, ihre Bewegung und das Ringen mit Farbe und Fläche sind für den Betrachter deutlich spürbar. Fast könnte man von Farbskulpturen sprechen, denn durch die übereinander aufgetragenen Farbschichten entsteht eine Farbmasse, die eine reliefartige Oberfläche ergibt.

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Ute Dreckmann
Margret Roters: Energie und Wirkung von Farbe
2014

Margret Roters thematisiert in ihren oft großformatigen Bildern die Energie und Wirkung von Farbe. Sie selbst nennt ihre Bilder „dynamische Verdichtungen“. Meist sind ihre Bilder reine Malerei, figurative Elemente sind eher selten. Dennoch gibt sie ihren Bildern manchmal Titel, die auf die auf die gegenständliche Welt verweisen.
Obwohl in vielen Fällen eine Farbe dominiert, sind ihre Bilder nicht monochrom. Sie sind durchaus farbig, aber niemals bunt. In einer All-over-Struktur trägt sie mit dynamischen Schwüngen die Farbe oft pastos Schicht für Schicht auf. Dabei können die einzelnen Schichten sowohl einer Farbfamilie zugehören als auch dem komplementären Spektrum angehören. Margret Roters trägt die einzelnen Farbschichten jeweils so auf, dass sie die darunterliegenden Schichten niemals ganz verdecken. So strahlt unter einem leuchtenden Rot ein sattes Gelb und ein darunterliegendes dunkles Blau hervor.

Der All-over-Struktur entsprechend verweist ihre Malerei über den Rand des Bildträgers hinaus. Dem entsprechend sind sie rahmenlos. Sie haben in der Regel kein Zentrum, manchmal aber eine strukturelle Verdichtung in einem Segment des Bildes.
Aus der Farbpsychologie wissen wir, dass Farben Emotionen wecken.

Rot ist die Farbe der Leidenschaft. Es steht für Gefahr, die Glut, aber auch für die Liebe. Gelb ist die Farbe der Sonne, der Wärme, des Lichts. Blau symbolisiert die Weite, die Ferne und Kühle, ist aber auch die Farbe des Wassers und des Himmels und Grün in allen seinen Schattierungen lässt uns an die Natur denken und schenkt uns Ruhe. Die emotionale Wirkung der Farben hängt eng zusammen mit ihrer Ausdehnung auf dem Malgrund. Deshalb leben ihre Arbeiten auch von dem kalkulierten Zusammenspiel von Farbe und Bildformat.
Räumlichkeit entsteht bei Margret Roters Arbeiten zum einen durch die Art der übereinandergelegten Farbschichten, zum anderen durch die Art der Präsentation ihrer Arbeiten im Raum. Durch die Energie, die sie ausstrahlen, und durch ihre Raum bezogene Hängung, die auch einmal frei von der Decke herab erfolgt, versetzen sie den Raum in Vibration.

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Katja Schlenker
Das Tor zum Fluss, Rede zur Ausstellungseröffnung in „Kunst im Hafen“ in Reisholz am 18. April 2014 für Daniela Balthaus und Margret Roters.

Bei der Vorbereitung für die Ausstellung „Das Tor zum Fluss“ stellten sich u.a. zwei wichtige Fragen, die natürlich immer für jede Ausstellung anstehen:
Wie lassen sich verschiedene künstlerische Positionen zu einer überzeugenden Aussage zusammenbringen und wie geht man mit der vorhandenen Raumsituation um, ohne dem Raum gerechter zu werden als der Kunst. Fragen, die nur zu einem erfolgreichen Ergebnis führen, wenn sich alle und alles aufeinander einlassen kann. Dies ist so sehr glücklich geschehen.
Die Düsseldorfer Malerinnen Margret Roters und Daniela Balthaus kennen einander und ihre Arbeiten schon länger, sie sind beide Künstlerinnen, die sich mit Farbe und nichtgegenständlicher Malerei seit Jahren auseinandersetzen, und mit unterschiedlichen Maltechniken experimentieren. Margret Roters verwendet hauptsächlich Öl und Acryl, Daniela Balthaus Tempera und Farbpigmente. Sie bevorzugen für ihre Bilder unterschiedliche Formate von Leinwänden, aber doch – was sie verbindet, ist der Diskurs über Farbe als Material und das stringente Verfolgen des Experimentellen in Malerei. Die Halle ist ein Raum mit sehr eigenwilligem Charakter, die Wände aus brüchig-porösen Quadern, darauf Stahlbänder, die durch Kreuzungen eigene Formstrukturen bilden, fast filigran wirkende Säulen, auf unebenen, rissigem Betonboden.

Arbeitsspuren.
Dieser Ausstellungsraum bietet nur bedingt Schutz für die Kunst oder gar Abgeschlossenheit, dies hier ist kein white cube, was für die Malerei, für die Bilder und für ihre Wirkung, eine Herausforderung ganz besonderer Art darstellt. Denn sie konkurrieren – oder besser gesagt: sie agieren, mit der Materialität und der eigenen der Poesie der Halle, mit der vergangenen Zeit, die sie verströmt.

Wenn sie sich umschauen:
Die großen Tore, die mit Rost und Grau und schwarzem Klebeband fast malerisch wirken, die Fenster, die selbst wie monochrome abstrakte Bilder erscheinen, die Wandstrukturen mit kleinen Durchblicken ins Freie, dies alles korrespondiert überraschender Weise perfekt mit den quadratischen kleinformatigen Malereien von Daniela Balthaus – ohne, dass die Künstlerin dies bewusst vorbedacht hat in ihren Arbeiten. Die Serie “Q” ist bereits lange vorher in ihrem geordneten Atelier entstanden. Auch der Lichteinfall in die Halle ist unkalkulierbar, zufällig und naturabhängig. Und verursacht aber erstaunlich vielseitige Sichtweisen auf die großformatigen expressiven Bilder von Margret Roters. Die Bilder der beiden Künstlerinnen, in der Abgeschiedenheit der kleinen Malerinnenateliers entstanden, sind der Offenheit des Raumes ausgesetzt.

Und doch:
Lässt man die Bilder auf sich wirken, sind sie wie ein Vermittler zwischen Innen- und Außenraum, sie agieren mit der Landschaft und dem nahen Wasser des Flusses, der Luft und des Lichts. Und fast unglaublich: Das Gefühl verstärkt sich, sobald das Tor zum Fluss hin geöffnet ist. Was ist innen, was außen? Bewusst haben sich Daniela Balthaus und Margret Roters, die beide nichtgegenständlich arbeiten, entschieden, ihre Malerei in einen Dialog treten zu lassen: die großformatigen Bilder von Margret Roters mit kräftigem und bewegtem Farbauftrag an den Stirnseiten – kommunizieren mit den in Format 80×80 festgelegten, kleinen, schon ins monochrome gehenden Arbeiten von Daniela Balthaus, die sich wie ein rhythmisches Farbband an den Längsseiten entlang reihen.

Jede künstlerische Position steht trotzdem für sich.
Expressiv sind die Bilder von Margret Roters, die hier Gezeigten sind zwischen 2010 und 2015 entstanden, übereinandergesetzte verdichtete Farbschichten, auf große Leinwände über einen längeren Zeitraum am Boden aufgetragen, gespachtelt, die Oberflächen mit schwungvollen Bewegungen in einem Fluss geglättet oder an manchen Partien abgezogen, abgewischt, was zu einer haptischen Tiefe des Bildes führt. Der Fantasie des Betrachters sind keine Grenzen gesetzt, es entstehen bewegte, fast modellierte Landschaften, an einigen Stellen ist beim nahen Hinsehen Grund auszumachen, es leuchtet aus dem Rot des größten Formates ein Blau hervor.
Die drei bewegten Bilder zum Tor hin sind neuere Arbeiten von M. Roters. Sie zeigen wiederum überlagernde Schichten von Farbe, hier aber lasierend, und leicht, in schwungvollen Bewegungen wie schwebende Seidentücher oder leichte ineinandergreifende Wellen eines Flusses. Das andere eine Erinnerung an eine bergige Schneelandschaft, die Momentaufnahme eines Zustandes. Immer wieder stellt sich Margret Roters mit ihren Bildern die Frage: Wie wirkt Farbe materiell, wie die Töne mit- und gegeneinander, – bringt es Ruhe, Aggressivität, Kraft oder Bewegung und Dramatik, ist Rot gleich Rot, sprengt Farbe das Format, das Format den Raum? …
Dieses Sich – Einlassen, der Materialität der Farbe nachgeben, sie aber auch herauszufordern – ist ein ständiger Prozess, dem sich sowohl Daniela Balthaus als auch Margret Roters in ihrer Kunst stellen. Es führt sie zu ganz eigenen Positionen und Ergebnissen, die nicht in Konkurrenz miteinander, einfach nur an den Wänden hängen, sondern zu einem ganzen Diskurs über Sprache, Klang und Raumvolumen von Farbe führen.

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Karin Thieves
Ausstellung in Geilenkirchen-Kraudorf 2012

Als ich das Bild anlässlich einer Ausstellung in Geilenkirchen-Kraudorf im Jahre 2012 zum ersten Mal sah, wusste ich, das ist es! Es zog mich magisch an. Ich hatte keinen Blick mehr für andere Bilder. Obwohl ich durch die Ausstellung wanderte, kam ich immer wieder zu diesem einen Bild zurück. Ich sah es schon förmlich daheim an einer bestimmten Wand … Jetzt hängt es genau an dem Platz, den ich instinktiv beim Bau des Hauses dafür vorgesehen hatte, obwohl ich damals nicht genau wusste, welches Bild es denn sein würde. Ich hatte nur die Vorstellung, dass DAS Bild mich finden würde.
Heute lebe ich mit dem Bild. Es ist stiller und unerschütterlicher Bestandteil des fest verankerten Bauwerkes geworden. Morgens, wenn im Sommer der Tag schon strahlend hell und gleißend beginnt, ist es machtvoll, wild, aufwühlend, ein „kalvernder“ Begleiter des aufkommenden Tages. Es gibt mir die Gewissheit, dass kommen mag was will, es wird mit machtvollem Gewicht den Stürmen des Lebens entgegenhalten. Das zerklüftete, ja dreidimensionale Bild mit seiner in der Entwicklung schon entstandenen Erosionen ist mir ein kraftvoller Wegweiser am Beginn eines Tages.
Dann, wenn die Sonne den Tag durchwandert, wird es ruhig um das Bild. Es tritt zurück, lässt Raum für das Tagesgeschehen. Es ordnet sich förmlich den Gegenständen im Hause unter. Mancher Besucher am Tag nimmt das Bild noch nicht einmal wahr, obwohl es schon von den Abmessungen (3,56 m x 2,75 m) her riesig ist und die ganze Wand bedeckt. Es ist einfach da, umfasst den umbauten Raum des Hauses und hält es fest. Es hängt still, ruhig und leise an seinem Platz, und ist die schnelle Vergewisserung des Eintretenden auf Verlässlichkeit und Beständigkeit.

Ganz anders dann am Abend, wenn die Sonne untergegangen ist und die Schatten der Nacht durch gedämpftes Licht im Hause erhellt werden. Das ist die Stunde des Bildes! Jetzt spricht es jeden Betrachter an. Es ist präsent, eindrucksvoll in seiner omnipotenten Größe. Es fordert jeden heraus, der es anschaut. Es will wahrgenommen werden und beschäftigt sein. Jetzt ist es Mittelpunkt des Hauses. Alle anderen Gegenstände im Hause verflüchtigen sich, selbst das kräftige Rot des Sitzmöbels davor hat zu schweigen. Einzige Ausnahme bildet der Flügel, dessen Klang sich mit der Farbe vermischt und eine perfekte Symbiose eingeht. Es ist gleichsam ein Schweben und Gleiten, fern der Realität. Der Betrachter findet sich mitten im Bild wieder. Er sieht, nimmt wahr und benennt Dinge, die tief aus seinem Inneren an die Oberfläche kommen. Es werden Gegenstände, Räume und Wesen bemerkt und erkannt, die für andere Betrachter erst nach eingehender Erklärung und dem Weisen schließlich zugänglich sind. Es ist faszinierend zu erfahren, dass Betrachter ihre eigenen Sichtweisen auf das Bild erst aufgeben müssen, wollen sie die Auffassung des anderen verstehen. Insofern fordert das Bild auf und heraus, den eigenen Blickwinkel für einen Moment beiseite zu legen, um sich einzulassen auf die Sichtweise eines anderen Menschen. Das ist das eigentliche Geheimnis des Bildes und damit der künstlerischen Ausdrucksfähigkeit.